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Erfahrungsbericht: Studium an der Uni Jerusalem
3. Lebensbedingungen

1.  Die Rothberg International School der Uni Jerusalem
2.  Arbeitsmöglichkeiten & Ausstattung
3.  Lebensbedingungen
4.  Einreise und Unterkunft (Zwischenbericht)


  • an der Rothberg International School
  • Ein nicht zu unterschätzender Faktor ist die US-amerikanische Prägung der Rothberg School. Nicht nur, dass ein Großteil der Studenten aus den USA stammt und das tägliche Bild in der Schule bestimmt, sondern auch die gesamte Kultur der Schule und ihr System ist US-amerikanisch dominiert. Durch die Enklaven-Situation des Gebäudes und Umfeldes wird einem oft das Gefühl vermittelt, sich an einem US-amerikanischen College und nicht an einer israelischen Universität zu befinden. Zwar besuchen Studierende zahlreicher Nationalitäten die Rothberg School, diese fallen aber nicht ins Gewicht. Da sich außer den "Madrichim" von OSA keine Israelis in die Rothberg School verirren, besteht auch kein Kontakt zu israelischen Studenten. Die Möglichkeit, bei einem Auslandsstudium Kontakte zu gleichaltrigen Einheimischen zu knüpfen und einen akademischen und sozialen Austausch zu betreiben, sind durch diese Umstände weniger gegeben. Hat man nicht das seltene Glück, israelische Mitbewohner im Wohnheim zu bekommen, ist es durchaus möglich, ein Jahr hier zu verbringen, ohne wirklich Israelis näher kennen gelernt zu haben. Für die "Undergraduates" gibt es allerdings von der Rothberg School ein "Israeli Friend"-Projekt, in dem sich israelische Studierende den "Undergraduate Students" annehmen und gemeinsame Aktivitäten unternehmen. Den Graduierten wird diese Möglichkeit nicht geboten.

    Verständlicherweise hat der Großteil der Studenten einen traditionellen oder reform-jüdischen Hintergrund. Viele Studierende absolvieren in Form eines Auslandsstudiums in Israel ihren, insbesondere in den USA üblichen, "Hajj" nach Israel. Die durch und durch US-amerikanischen jüdischen Jugendlichen werden seit ihrer Ankunft in Israel zum Hauptobjekt jüdischer Missionsarbeit – wobei die Rothberg School zur beliebten Anlaufstelle jeglicher religiöser Organisationen und Kommunen wird. In fast aggressiver Konkurrenz versuchen insbesondere konservative bis orthodoxe Religionsgemeinschaften, für ihre Kommunen neue Mitglieder aus der Gruppe der US-amerikanischen Jugendlichen zu rekrutieren. Die Schwarzen Bretter und Tische der Rothberg School werden mit Aushängen und Handzetteln, die mit "Brot und Spiele" locken, überschwemmt: Die Themen der angebotenen Veranstaltungen sind bewusst gewählt und klingen oft vielversprechend, halten aber nicht, was sie versprechen. Hier geht es nicht um kritische und offene Auseinandersetzung mit religiösen und eth(n)ischen Themen, sondern letztendlich um Indoktrination und die Verkündigung der einzigen und wahren Auslegung der Religion. Darüber hinaus sollen die derartig getrimmten und vorbereiteten Jugendlichen nach ihrer Rückkehr in die Staaten Israel (als Ganzes und an sich) in ihren Gemeinden und Colleges vermarkten – Zielsetzungen, die nicht nur unterschwellig spürbar sind, sondern völlig offen proklamiert werden. Als Nicht-Jude ist man bei solchen Veranstaltungen außen vor – was aber auch bedeutet, dass auf die Anwesenheit von Nicht-Juden kein Wert gelegt wird, aktive Teilnahme schon gar nicht. Bestenfalls wird man mit Gleichgültigkeit bedacht.

  • Wohnsituation
  • Auch wenn ich in meinem Zwischenbericht schon auf die Wohnsituation, v. a. in den Studentenwohnheimen der Universität, eingegangen bin, hier noch ein kleiner Nachtrag. Wer einen Platz im Wohnheim beantragt, sollte sich darauf einstellen, für die Zeit des Studiums zu zweit (!) auf ca. 12m2 zu leben, und das entweder mit einer etwa 20 Leute umfassenden Flurgemeinschaft mit gemeinsamem Bad und Küche oder zusammen mit 2 – 4 weiteren Mitbewohnern in einer kleinen, engen aber geschlossenen Wohneinheit. Das erfordert sehr, sehr viel Geduld, Rücksichtnahme, Kooperationsbereitschaft, Verzicht auf Privatsphäre sowie Offenheit, Toleranz und noch mehr guten Willen. Dies etwas andere WG-Erlebnis sollte man aber als eine Chance und Erfahrung betrachten, denn trotz möglicher Unstimmigkeiten, Auseinandersetzungen und "Genervt-sein" gibt es ja auch die schönen Momente: zusammen zu kochen und zu essen (und zu putzen :-(), miteinander und voneinander zu lernen, im Bett sitzend die Nächte hindurch diskutieren, und dabei hautnah – bei israelischen Mitbewohnern – die andere Kultur, Mentalität und Lebensweise kennen zu lernen und zu erleben. Selbst wer vorab der Meinung ist, zu so umfassenden Einschränkungen nicht in der Lage zu sein, sollte diesem Erlebnis vielleicht trotzdem eine Chance geben – ausziehen kann man immer noch. Die Verwaltung zahlt sogar anteilsmäßig die im voraus gezahlte Miete aus.

  • Besonderheiten im "israelischen" Alltag
  • In einem Land wie Israel, wo die Bevölkerung aus allen Ecken der Welt stammt, ist es natürlich schwer, generelle und allgemeingültige Aussagen über die Landeskultur oder Mentalität zu treffen. Jeder Einwanderer hat seine eigene Kultur, Sprache, Lebensweise und Denkungsart im Gepäck mitgebracht, zum Teil zugunsten anderer Einflüsse aufgegeben oder eingetauscht, Anderes beibehalten. Trotz staatlicher Anstrengungen, Israel – ähnlich wie in den USA – zu einem Schmelztiegel jüdischer Kulturen werden zu lassen, hat sich doch bis heute, wenn überhaupt, nur ansatzweise eine gemeinsame "israelische" Kultur entwickelt. Offizielle und offensichtliche Kultur ist jüdisch – nicht israelisch – aber selbst über den Grad des "Jüdisch-Seins" besteht kein Konsens. Ob aschkenasisch, sephardisch, "mizrachi", säkular, konservativ (traditionell) oder orthodox – jeder verbindet mit seiner Religion und Nationalität eine andere Vorstellung, definiert seine Identität als Jude und / oder Israeli anders. Auch wenn die Frage nach der Existenz der "israelischen" Nationalität an dieser Stelle offen bleibt, gibt es natürlich schon gewisse Mentalitäten und Verhaltensweisen, die man durch breite Schichten der jüdischen (!) Bevölkerung Israels beobachten kann und vielleicht am ehesten als "israelisch" bezeichnen könnte. Mir ist bewusst, dass die folgenden Beschreibungen zum einem wiederum Klischees und zum anderem in ihrer Auswahl höchst selektiv sind. Ich habe mich deshalb dafür entschieden, darüber zu berichten, um gerade anhand dieser allgemeinen Darstellungen einem Neuling im Lande vielleicht den Kulturschock etwas zu erleichtern, und wenn auch nicht unbedingt Verständnis, so doch Verstehen zu vermitteln und zu bewirken. Ich habe nicht nur versucht, "typische" Phänomene des Lebens in Israel herauszugreifen, sondern insbesondere für mich wichtige und einschneidende Erfahrungen meines Israel-Jahres darzustellen.

    Für sein rüpelhaftes Verhalten im Ausland gefürchtet, so benimmt sich der Proto-Israeli zu Hause natürlich auch nicht viel anders. An den ruppigen, unfreundlichen und besonders in Jerusalem aggressiven Umgang der Israelis muss man sich erst einmal gewöhnen. Im Kern sind Verbalangriffe oft gar nicht persönlich gemeint, sondern stellen übliche und anerkannte Reaktionen dar, welche in ihrem stereotypen Ablauf schon fast an Theater erinnern. Die typische "Hoppla-jetzt-komm-ich"-Haltung wird mit der nötigen "Chutzpah" (Unverschämtheit) und Arroganz praktiziert – inklusive Ellenbogen. Da sich in der Regel der Israeli für nichts verantwortlich fühlt, werden am Besten jegliche Schuld oder Mängel dem Gegenüber (am besten dem Kunden) aufgebürdet: ein Land von 5 Millionen Pilatussen. "Service" und "Toilette" klingt im Hebräischen fast gleich – nicht von ungefähr. Andererseits wird nirgendwo soviel geflirtet wie gerade über dem Ladentisch – und natürlich diskutiert.

    Auch wenn man vielerorts nachlesen kann, dass das politische Bewusstsein der "Israelis" nachlässt, sind immer noch tagtäglich hitzige Diskussionen über die letzte Knessetsitzung, eine Erklärung des Premiers, Aussprüche von Abgeordneten oder Lobbyisten und natürlich über den Friedensprozess an den möglichsten und unmöglichsten Stellen mitzuerleben: Sei es der eigentlich besser auf den Verkehr achtende Egged-Fahrer, der mit einer Reihe von Fahrgästen ein emotionales Wortgefecht austrägt, sei es im "Schuq", wo neben Tomaten und Gurken auch Meinungen über die Tagespolitik gehandelt werden, sei es ein unbedachtes Wort über nichts Außergewöhnliches, das eine langwierige Aufklärung und Auseinandersetzung über die "matzaw" nach sich ziehen kann, oder sei es, dass der Fahrer im Taxi oder Bus das Radio bei den stündlichen Nachrichtensendungen für die Passagiere extra lauter stellt. Auf der anderen Seite – im Gegensatz zu dem, was einem im Ausland über Israel vermittelt wird – kann man hier genauso gut leben, ohne etwas mitzubekommen (besonders wenn man des Hebräischen nicht mächtig ist). Dass z. B. die Brennpunkte in den Auseinandersetzungen mit den Palästinensern vielleicht nach Kilometern nicht weit entfernt liegen aber trotzdem in einer anderen Welt stattfinden, ist einem im Ausland oft nicht bewusst. Natürlich machen sich in bestimmten Krisensituationen (wie beispielsweise anfangs der "Al-Aqsa Intifada") Spannungen innerhalb der Bevölkerung bemerkbar, aber auch diese legen sich nach einiger Zeit: das Leben geht weiter – daran klammert sich der "Israeli" und versucht krampfhaft sich und sein Umfeld mit unbekümmerter Ausgelassenheit und Lautstärke von seiner freudigen Existenz zu überzeugen. Deutlich konnte ich diese Haltung auf dem diesjährigen Studenten-Festival in Jerusalem spüren: einige Tage zuvor gab es eine Reihe von Bombenattentaten in Jerusalem, und hier war die Menge von jungen Leuten, die krampfhaft beweisen wollten, dass sie Spaß hatten.

    Ungewohnt und oft schwer verdaulich für unsere Verhältnisse ist der Grad der Militarisierung der (jüdischen, nicht-orthodoxen) Gesellschaft – Wehr- pflichtige und Reservisten gehören zum alltäglichen Straßenbild. Nicht nur wird jeder Jugendliche (auch die Mädels) nach der Schule zu einem drei- bzw. zweijährigen Wehrdienst eingezogen, sondern auch danach ist (neuerdings auch wieder verstärkt von unverheirateten Frauen) jährlich für einige Wochen ein Reservedienst zu leisten. Auch wenn die Kleidervorschrift nicht so eng gesehen wird – so trägt fast jeder seine Uniform nach eigenem Stil, die Mädchen vorzugsweise zwei Nummern zu klein – so muss diese auch bei Ausgang meist mit Waffe getragen werden, was dazu führt, dass man ständig, ob im Restaurant, Kino, Supermarkt, Bus oder in Mode-Boutiquen von uniformierten, achtlos mit ihrer MP herumfuchtelnden Jugendlichen umgeben ist. Hinzu kommt, dass die Polizei in vielen Fällen ebenfalls mit Sturmgewehren ausgestattet ist und manchmal aufgrund ihrer Uniform auf den ersten Blick nicht von Soldaten zu unterscheiden ist.
    Auch wenn bereits die Waffenträger in Uniform für Deutsche gewöhnungsbedürftig sind, so sind sicherlich die bewaffneten Privatpersonen, die im geringsten Falle ihre Pistole im Hosenbund tragen und im extremsten beim abendlichen Amüsement ganz offen die MP vor der Brust baumeln lassen, am wenigsten zu begreifen. Selbst ein Kommilitone aus einem meiner Seminare tauchte mitunter mit nur dürftig verdecktem Halfter in der Rothberg School auf.

    Ein schwieriges Thema, das ich aber nicht unerwähnt lassen möchte, v. a. weil es selten thematisiert wird (und schon gar nicht von deutscher Seite aus), ist eine verdeckte bis offene Diskriminierung, nicht nur von israelischen Arabern, sondern von allem Nicht-Jüdischen. Gerade zur Anfangszeit hatte ich mich als Nicht-Jüdin (meine deutsche Nationalität war hierbei weniger "problematisch") ständig zu rechtfertigen, wieso, weshalb und warum ich nach Israel gekommen war – als ob einem das Interesse und die Anteilnahme an Land und Region aufgrund eines "Goi-Status'" abzusprechen sei. Aufgrund der deutschen Vergangenheit, den daraus resultierenden heutigen besonderen Beziehungen zu Israel und unserer Empfindsamkeit gegenüber rassistischen und nationalistischen Einstellungen ist es nicht einfach, gerade in Israel und auch noch auf persönlicher Ebene plötzlich mit einer misstrauischen, fremdenfeindlichen bis rassistischen Haltung konfrontiert zu werden. Oft werden die Grenzen der "In-Gruppe" deutlich markiert, demjenigen, dem die Mitgliedskarte für den "Club der Besonderen" fehlt, wird ein Gefühl von "Minderwertigkeit", ja fast Verachtung vermittelt. Diese Überbetonung und -bewertung der Identitätszugehörigkeit verwehrt einem als Außenstehendem nicht nur den Eintritt in die Gesellschaft, sondern mitunter auch die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben. Das Motto ist "jüdisch" – seien es Veranstaltungen, Organisationen oder Werbespots. Sicher, man wird nicht gerade ausgesperrt, aber auch nicht mit offenen Armen empfangen, sondern eben nur geduldet. Interesse am Interesse von "außen" oder am Dialog besteht weniger, Initiativen gehen meistens von außen aus – das sollte man bedenken, wenn man mit Begeisterung und Elan einem Kulturaustausch in Israel entgegensieht. Enttäuschung über die Einseitigkeit des "Austausches" kann sich dabei sehr schnell einstellen.

    Um es noch einmal kurz zu verdeutlichen: Das xenophobe Verhaltensmuster ist eine Grundströmung innerhalb der jüdischen Gemeinschaft in Israel, die mehr oder weniger bewusst und offen zum Tragen kommt. In vielen Fällen schwingt sie lediglich latent mit. Es gibt eine Vielzahl von "Israelis" die sehr wohl offen, tolerant und an anderem interessiert sind. Oft bin ich mit offenen Armen und sehr herzlich aufgenommen worden. Trotzdem sollte man sich darauf einstellen, dass man während eines längeren Aufenthaltes in Israel in eine Situation kommen kann, in der man eben nicht nur Augenzeuge, sondern selbst Objekt der Abweisung ist.

    Zusammenfassend würde ich "Leben in Israel" als eine ständige Berg- und Talfahrt bezeichnen: im Vergleich zum deutschen Alltag habe ich noch nie so viele "ups and downs" in täglichen Interaktionen erlebt wie gerade in Israel. "Leben in Israel insbesondere in Jerusalem" bedeutet aber auch, sich in anhaltender unbewusster Anspannung zu befinden, selbst unbedeutende alltägliche Handlungen als Politikum zu begreifen und das Leben an sich dort als sehr intensiv zu empfinden. Keine Frage – es ist anstrengend und nervenaufreibend, nichtsdestotrotz aber eine lohnende Erfahrung, die einem wunderschöne Erlebnisse, interessante Bekanntschaften und faszinierende Einblicke ermöglichen kann. Auch wenn das Jahr für mich nicht leicht war, möchte ich es dennoch nicht missen. Trotz vieler Enttäuschungen und auch schmerzhaften Erfahrungen war die Zeit für mich akademisch wie auch persönlich eine Bereicherung. Vieles ist nicht so eingetreten wie ich es mir vorgestellt oder gewünscht hätte. Dafür haben sich mir aber über das Jahr hindurch neue Wege und Möglichkeiten eröffnet, die nicht nur den Verlauf meines dortigen Aufenthaltes bestimmt haben, sondern auch für mein weiteres Studium und Leben richtungsweisend sind.

    Ina Rosentreter, Jerusalem 09.07.2001

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überarbeitet 2008-08-25 von Stefan Ahlswede